Was ist ein Stoffstrom? Grundlagen des Stoffstrommanagements bei OTTO DÖRNER
von Jörg Lempke
Als Leiter Stoffstrom verantworte ich mit meinem Team, dass alle Abfälle unserer Kunden rechtssicher, bedarfsgerecht und wirtschaftlich in ihre Endverwertung fließen. Was ein Stoffstrom ist, wie Stoffstrommanagement organisiert wird und warum getrennte Erfassung der wichtigste Hebel für echte Kreislaufwirtschaft ist, lesen Sie in diesem Grundlagenbeitrag.

Was ein Stoffstrom ist und woher der Begriff kommt
Der Begriff Stoffstrom lässt sich aus seinen Wortteilen erklären. Stoff steht für den Abfall, Strom für das Fließen. Aber anders als bei einem Wasserhahn lässt sich ein Stoffstrom nicht stoppen. Wenn Sie die schwarze Tonne an die Straße stellen und sie nicht abgeholt wird, entsteht sofort Druck. Genauso funktioniert es in der gewerblichen Abfallwirtschaft. Abfall entsteht ununterbrochen und muss ununterbrochen abfließen. Diese permanente Bewegung ist der Kern jedes Stoffstroms.
Historisch reicht das Stoffstrommanagement weit zurück. Um 1900 trugen Lumpensammler mit Handkarren Lumpen für Papierfabriken zusammen und lieferten Knochen an Seifensiedereien. Daraus entstanden die deutschen Entsorgungsunternehmen. Hamburg gehörte zu den ersten Städten mit Verbrennungsanlagen und prägte damit eine Systematik, die heute in umfassendem Stoffstrommanagement mündet.
Wo unser Stoffstrom endet und die Kreislaufwirtschaft weitergeht
Stoffstrommanagement ist ein Teil der Kreislaufwirtschaft, nicht ihre Gesamtheit. Die Kreislaufwirtschaft schließt den Kreis vollständig vom Abfallerzeuger über den Entsorger bis zu jener Anlage, die aus Altholz eine neue Spanplatte oder aus Altpapier neues Papier herstellt. Wir sind Einsammler und Transporteur in der Kreislaufwirtschaft. Aus gemischten Anlieferungen holen wir in unseren Sortieranlagen die einzelnen Monofraktionen wie Holz, Metall und Mineralik heraus und beliefern damit die spezialisierten Endverwerter.
Wie das Team Stoffstrom bei OTTO DÖRNER organisiert ist
Die Bandbreite unserer Aufgaben reicht vom einfachsten Verwertungsabfall bis zu Sondermüll mit hoher regulatorischer Komplexität. Bei OTTO DÖRNER arbeiten 8,5 Vollzeitäquivalente im Team Stoffstrom, darunter eine studierte Chemikerin und mehrere Ingenieure für Umwelttechnik. Entscheidend ist die Berufserfahrung: Ohne viele Jahre Praxis lässt sich das Zusammenspiel aus Regulatorik, Anlagenkunde und Marktkenntnis nicht sicher steuern.
Der wöchentliche Rhythmus mit 500 bis 550 Aufträgen
Unser Geschäft läuft im rollierenden Wochenrhythmus. In der Wochenmitte sammeln wir die Mengenmeldungen aus unseren Betrieben und Niederlassungen ein. Anschließend prüfen wir bei den Endentsorgungsanlagen, ob sie die geplanten Mengen aufnehmen können. Revisionen und Anlagenstillstände erfordern Redundanzen im Netzwerk.
Sind Erzeuger, Verwerter und Transportkapazitäten abgestimmt, gießen wir das Ganze donnerstags in verbindliche Aufträge. In einer normalen Woche sind das 500 bis 550 Aufträge, die aus dem Team Stoffstrom in die Logistik gehen.
Rechtssicher, bedarfsgerecht, wirtschaftlich — unsere drei Leitprinzipien
Der Zweck unserer Abteilung lässt sich in drei Adjektiven zusammenfassen. Jedes Prinzip beschreibt eine eigenständige Anforderung, die parallel erfüllt werden muss.
Rechtssicher: Genehmigungen prüfen und Abfallschlüssel zuordnen
Rechtssicherheit bedeutet, dass wir jede Endentsorgungsanlage im Vorfeld überprüfen. Sie muss nach der Entsorgungsfachbetriebe-Zertifizierung zugelassen sein und für die konkret angelieferten Abfallschlüssel eine gültige Genehmigung besitzen. Der Abfallartenkatalog nach AVV umfasst 21 Hauptgruppen mit rund 400 Abfallnummern. Jede Anlage ist nur für bestimmte Nummern zugelassen. Diese Zuordnung kontrollieren wir vor jedem Transport. Das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz aus dem Jahr 1972 setzt den übergeordneten Rahmen, konkretisiert durch Verordnungen wie die Gewerbeabfallverordnung und die Nachweisverordnung.
Bedarfsgerecht: Sortieranlagen im Takt halten
Bedarfsgerecht heißt, dass wir Boxen und Anlagen im richtigen Takt füllen und leeren. Am Ausgang einer Sortieranlage fällt Material in Boxen für Holz, Metall, Ersatzbrennstoffe und Sortierreste. Diese Boxen fassen typischerweise zwei Tage Sortierzeit. Wird eine Box nicht geleert, läuft die Anlage von hinten über und blockiert die Annahme am Eingang. Zwei große OTTO-DÖRNER-Sortieranlagen in Hamburg werden von den umliegenden Niederlassungen bedient. Unsere Aufgabe im Stoffstrom ist es, diesen Materialfluss so zu takten, dass die Anlagen ausgelastet bleiben.
Wirtschaftlich: Ausschreibungen, Verhandlungen und Netzwerk
Wirtschaftlichkeit bedeutet, dass die Verwertung finanziell tragfähig bleibt. Wir schreiben Endverwertungen aus, verhandeln Preise mit Anlagenbetreibern und passen Konditionen an aktuelle Marktbedingungen an. Bei stark gestiegenen Treibstoffpreisen sprechen wir mit weiter entfernten Anlagen und verhandeln ein Burden Sharing bei den Transportkosten. In vielen Situationen zählt das persönliche Netzwerk mehr als jedes Werkzeug. Fällt eine Verbrennungsanlage kurzfristig durch einen Trafo-Schaden aus, brauchen wir Alternativen in wenigen Stunden. Solche Situationen lassen sich durch gepflegte Kontakte lösen, nicht durch Software.
Unsere drei Hauptstoffströme in Zahlen
Mengenmäßig konzentriert sich unser Stoffstrommanagement auf drei Materialgruppen. Sie machen zusammen den Löwenanteil des Volumens aus:
| Hauptstoffstrom | Menge pro Jahr | Typischer Verwertungsweg |
| Mineralische Abfälle | rund 250.000 Tonnen | Aufbereitung zu Recyclingbaustoffen, teilweise über eigene Anlagen wie ORCA |
| Altholz | rund 150.000 Tonnen | Zerkleinerung und Verwertung im Spanplattenwerk oder Holzkraftwerk |
| Thermische Fraktionen | rund 140.000 Tonnen | Verbrennung in Müllverbrennungsanlagen und Ersatzbrennstoffkraftwerken |
Neben diesen drei Hauptströmen verantworten wir Schrotte in mehreren Sortierqualitäten, Grünabfälle, gefährliche Abfälle wie Betriebsmittel und Verpackungen mit Restinhalten sowie Krankenhausabfälle. Insgesamt vermarkten wir rund 30 unterschiedliche Sorten.
Warum die getrennte Erfassung der wichtigste Hebel für Kreislaufwirtschaft ist
Wer aus Abfall Sekundärrohstoffe machen will, muss sortenrein erfassen. Sortiert erfasste Materialien wie Altpapier oder sortenrein angelieferte Metalle erreichen Recyclingquoten in den hohen neunzig Prozentpunkten. Bei gemischten Erfassungen sieht die Realität anders aus. Wenn Bürger ihren gelben Sack füllen, landen am Ende nur rund 30 bis 40 Prozent des Inhalts im werkstofflichen Recycling. Rund 60 Prozent gehen in die thermische Verwertung, weil das Material nicht sauber genug ist. Dieselbe Logik gilt für gewerbliche Mischcontainer.
Verbundstoffe als größter Bremsklotz für die Kreislaufwirtschaft
Das größte Hemmnis für die Wiederverwertung sind Verbundprodukte. Ein Beispiel aus unserer Praxis sind Rohre aus dem Bauabfall. Wir sortieren pro Anlage rund 100 Kubikmeter Rohre pro Woche für einen spezialisierten Verwerter, der daraus ein Regranulat für neue Rohre herstellt. Enthält die Erfassung aber ein mit Alu-Folie kaschiertes, mit Schaum gefülltes oder mit Beton verfülltes Rohr, kann der Verwerter dieses Material nicht mehr für neues Rohrgranulat nutzen. Der Kreislauf reißt an dieser Stelle. Je einfacher ein Produkt am Ende seiner Nutzung trennbar ist, desto höher die tatsächliche Verwertungsquote.
Mein Fazit
Stoffstrommanagement ist die tägliche Übersetzung von Regulatorik, Marktkenntnis und Logistik in konkrete Aufträge. Bei OTTO DÖRNER arbeiten 8 Mitarbeitende daran, dass 500 bis 550 Aufträge pro Woche rechtssicher, bedarfsgerecht und wirtschaftlich abgewickelt werden. Der größte gesellschaftliche Hebel liegt aber nicht in unserer Abteilung, sondern schon davor. Je sauberer Erzeuger Ihre Abfälle trennen, desto mehr Material geht in echtes Recycling.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Ein Stoffstrom ist ein kontinuierlicher Fluss von Abfällen von der Erfassung über die Sortierung bis zur Endverwertung. Der Begriff setzt sich aus Stoff (Abfall) und Strom (permanente Bewegung) zusammen. In der gewerblichen Abfallwirtschaft lässt sich dieser Fluss nicht stoppen.
Der Stoffstrom ist ein Teilstück der Kreislaufwirtschaft. Die Kreislaufwirtschaft schließt den vollständigen Kreis vom Erzeuger bis zur Endverwertung, die aus Altholz eine neue Spanplatte oder aus Altpapier neues Papier macht. OTTO DÖRNER sammelt ein, sortiert und beliefert die spezialisierten Endverwerter.
Die drei mengenmäßig größten Stoffströme sind mineralische Abfälle mit rund 250.000 Tonnen pro Jahr, Altholz mit rund 150.000 Tonnen und thermisch zu verwertende Fraktionen mit rund 140.000 Tonnen. Hinzu kommen kleinere Ströme wie Schrotte, Grünabfälle und gefährliche Abfälle in rund 30 Sorten.
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz aus dem Jahr 1972 setzt den Rahmen für die deutsche Abfallwirtschaft. Es definiert die fünfstufige Abfallhierarchie und verpflichtet zur getrennten Erfassung, sofern wirtschaftlich zumutbar. Konkretisiert wird es durch Verordnungen wie die GewAbfV und die Nachweisverordnung.
Sortenrein erfasste Materialien erreichen Recyclingquoten in den hohen neunzig Prozentpunkten. Bei gemischter Erfassung landen dagegen nur 30 bis 40 Prozent im werkstofflichen Recycling, der Rest muss thermisch verwertet werden. Getrennte Erfassung ist damit der wichtigste Einzelhebel für Kreislaufwirtschaft.
Sobald der Abfall in einem OTTO-DÖRNER-Container liegt, geht die Sachherrschaft und damit der Besitz auf OTTO DÖRNER über. Erzeuger tragen ab diesem Punkt keine unmittelbare Verantwortung mehr für die weitere Verwertung. Dokumentationspflichten bleiben davon unberührt.
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