Thermische Verwertung als Ersatzbrennstoff: Wann dieser Weg sinnvoll ist
von Jörg Lempke
Thermische Verwertung ist in Deutschland ein unverzichtbarer Teil der Kreislaufwirtschaft. Rund 26 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr gehen diesen Weg. Warum das so ist, welche drei Anlagenkategorien es gibt, warum die Verwertungsentscheidung eine Wirtschaftlichkeitsfrage ist, dazu mehr in diesem Beitrag.

Warum thermische Verwertung unverzichtbar ist
Thermische und energetische Verwertung meinen dasselbe. Beide Begriffe beschreiben den Weg, auf dem aus Abfall Energie wird. Der Bedarf ist erheblich. Von den rund 450 bis 460 Millionen Tonnen Abfall, die in Deutschland jährlich anfallen, entfallen etwa 80 Prozent auf mineralische Abfälle wie Straßenaufbruch oder Bauschutt. Die restlichen rund 90 Millionen Tonnen sind das, was am Bau und in Haushalten und Betrieben entsteht. Davon gehen etwa 26 Millionen Tonnen pro Jahr in die thermische Verwertung, entsprechend der Kapazität der deutschen Anlagen.
Der Grund für diese Größenordnung liegt in der Produktgestaltung. Viele Produkte werden heute so gebaut, dass ihre Werkstoffe nicht wirtschaftlich zu trennen sind. Der Getränkekarton für Milch oder Saft ist das bekannteste Beispiel. Er ist ein Sandwich aus Karton, mehreren Schichten Polyethylenfolie und einer Aluminiumsperrschicht. Der Karton ließe sich in einer Papierfabrik hervorragend wiederverwenden. Beim Auflösen bleibt aber ein hoher Restanteil aus Folie und Aluminium übrig, den keine Anlage wirtschaftlich zurückgewinnt. Solche Verbundprodukte müssen am Ende thermisch verwertet werden.
Drei Anlagenkategorien im deutschen Verbrennungspark
Thermische Verwertung ist nicht gleich thermische Verwertung. In Deutschland unterscheiden wir drei Anlagenkategorien, die sich in Technik, Aufbereitungsanforderung und Kosten deutlich unterscheiden. Die folgende Tabelle fasst die Unterschiede zusammen:
| Anlagentyp | Technik | Was hineingeht |
| Müllverbrennungsanlage (MVA) | Rostfeuerung | Klassischer Hausmüll, Sperrmüll, gemischte Abfälle mit Kantenlänge bis 1 Meter |
| Ersatzbrennstoffkraftwerk (EBS) | Wirbelschichtfeuerung | Vorzerkleinerte, sortierte Abfälle in definierten Korngrößen, meist um 100 Millimeter |
| Zementwerk | Drehrohr mit Multibrenner | Flugfähige zweidimensionale Abfälle mit hoher Heizkraft, Korngröße kleiner 30 Millimeter |
Die Müllverbrennungsanlage ist die höchstpreisigste der drei Kategorien und dient zuerst der Volumenreduktion. Aus jeder Tonne Abfall bleiben rund 25 Prozent Asche und Schlacke als Reststoff übrig, 75 Prozent werden in Energie umgewandelt. Diese Energie geht heute überwiegend als Fernwärme in die lokalen Netze, ein wichtiger Beitrag angesichts des Energiebedarfs seit dem Ausstieg aus Kern- und Kohleenergie. Ersatzbrennstoffkraftwerke arbeiten mit einem definierten Brennstoff und finden sich häufig direkt neben Papierfabriken oder Industrieparks, die mit Dampf und Wärme versorgt werden. Zementwerke benötigen die höchste Aufbereitungstiefe, haben dafür aber die günstigsten Kosten pro Tonne, weil sie ausgereifte Ersatzbrennstoffe mit hohem Heizwert nutzen und im Drehrohr fossile Energieträger ersetzen.
Wann stoffliche Verwertung sinnvoll ist und wann thermische
Die Entscheidung zwischen stofflicher und thermischer Verwertung ist im Kern eine wirtschaftliche. Bei OTTO DÖRNER halten wir es simpel: Überall, wo wir für einen sortierten Abfall einen Erlös bei einem stofflichen Verwerter erzielen, gehen wir diesen Weg. Getrennt erfasste Ströme wie Schrotte, Altpapier oder Altglas erreichen so Recyclingquoten in den hohen neunzig Prozentpunkten. Sortenreine Metalle gehen in die Schmelze, Altglas ebenfalls, Altpapier in die Papierfabrik. Diese Ströme funktionieren hervorragend.
Anders sieht es bei gemischten Abfällen aus. Der Inhalt eines Container von einer Baustelle kommt typischerweise mit einer Palette, einer Dose Bauschaum, einer Folie, ein paar kaputten Steinen und etwas Zement bei uns an. In unserer Baustellenabfallsortieranlage holen wir das Holz heraus und geben es gegen Erlös in ein Holzheizkraftwerk. Die Blechdose verkaufen wir an ein Stahlwerk. Der kaputte Handschuh aber, den der Maurer im Container mitgeschickt hat, ist ein Verbundstoff und landet im Rest. Er wird thermisch verwertet, weil eine wirtschaftliche stoffliche Trennung nicht möglich ist.
Was die Abfallhierarchie und wirtschaftliche Zumutbarkeit vorschreiben
Rechtlich gilt in Deutschland und Europa die fünfstufige Abfallhierarchie aus dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz von 1972. Sie ordnet die Wege nach Vorrang: Vermeidung, Wiederverwendung, stoffliches Recycling, sonstige Verwertung inklusive thermische Verwertung und Beseitigung auf der Deponie. Wer ein altes Fahrrad aussortiert, bringt es idealerweise in ein Sozialkaufhaus. Wer Metall trennen kann, gibt es ins Stahlwerk. Erst danach beginnt der Weg in die thermische Verwertung.
Diese Reihenfolge ist verbindlich, wird aber durch ein Prinzip modifiziert, das im Alltag entscheidend ist: die wirtschaftliche Zumutbarkeit. Die Gewerbeabfallverordnung schreibt Erzeugern und Entsorgern vor, Abfälle zu trennen. Aber sie sagt auch: Die Trennung muss wirtschaftlich zumutbar sein. Kostet ein werkstoffliches Verfahren 100 Euro pro Tonne, muss das alternative Verfahren in einer ähnlichen Dimension liegen. Ist der Aufwand für die stoffliche Trennung wesentlich höher, gilt die thermische Verwertung rechtskonform als der richtige Weg. Diese Entscheidung treffen wir jeden Tag.
Warum manche Produkte niemals stofflich verwertet werden können
Es gibt Produkte, bei denen keine wirtschaftliche stoffliche Verwertung existiert. Der beschriebene Getränkekarton gehört dazu, glasfaserverstärkte Kunststoffe ebenso. Auch Mischgewebe im Textilbereich sind so ein Fall. Fiber-to-Fiber-Recycling wäre technisch wünschenswert, funktioniert aber nur bei Monogeweben. Ein Kleidungsstück aus 92 Prozent Baumwolle und 8 Prozent Elasthan lässt sich nicht wirtschaftlich in seine Fasern zerlegen. Das Ergebnis ist: Verbrennung.
Ein besonders schwieriger Fall ist die Kohlefaser. Der Werkstoff hat unschlagbare technische Eigenschaften und wird in Automobilteilen, Surfmasten oder Angelruten verbaut. Nach dem WHO-Kriterium wird die Faser mit einem Durchmesser größer als fünf Mikrometer produziert, damit sie nicht in die Lungenbläschen gelangt. In der Müllverbrennungsanlage aber schwindet der Durchmesser unter der Hitze, ohne dass die Faser ganz verbrennt. Sie wird dadurch inhalierbar und potenziell krebserzeugend. In die Deponie darf sie ebenfalls nicht, weil das Deponieverbot bei mehr als fünf Prozent Glühverlust greift. Für Kohlefaser fehlt heute also ein regulärer Entsorgungsweg. Einzelne Pyrolyseverfahren gewinnen die Faser über Sauerstoffabschluss zurück, aber die Kapazitäten reichen bei Weitem nicht für die Mengen, die täglich in Verkehr gebracht werden.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob mehr thermisch oder mehr stofflich verwertet wird. Die Frage ist, wie Produkte in Zukunft konstruiert werden. Solange die Idee „Built for Recycling“ in der Konstruktion nicht ankommt, bleibt die thermische Verwertung der Puffer für alles, was stofflich nicht sinnhaft trennbar ist.
Was Sie als Unternehmen für Ihre Abfälle prüfen sollten
Bei OTTO DÖRNER unterstützen wir Sie in Ihrem Gestaltungsspielraum. Getrenntes Erfassen ist der wichtigste Hebel für hohe Recyclingquoten und einen kostenneutralen Weg. Wir beraten Sie zu Behälterlösungen für typische Fraktionen wie Altholz, Metall, Papier und Kunststoffe. Wo wirtschaftlich zumutbar, gehen sortierte Ströme in die stoffliche Verwertung. Wo nicht, sorgen wir für die passende thermische Verwertung entsprechend der Anlagenkategorie.
Mein Fazit
Thermische Verwertung ist kein Zeichen von Recycling-Versagen, sondern die notwendige Ergänzung eines Systems, in dem viele Produkte nicht für ihre Verwertung konstruiert sind. Solange das so bleibt, brauchen wir alle drei Anlagenkategorien: Müllverbrennungsanlage, EBS-Kraftwerk und Zementwerk. Für Ihr Unternehmen zählt deshalb weniger die Frage, welche Verwertungsart die richtige ist, sondern welche Fraktionen Sie sortenrein erfassen können. Je sauberer Sie trennen, desto mehr geht stofflich, desto weniger geht thermisch. Und desto günstiger und ressourcenschonender ist Ihre Entsorgung.
Sie sind unsicher, welche Fraktionen sich in Ihrem Betrieb sortenrein erfassen lassen und welche Verwertungswege für Ihre Abfälle passen? Sprechen Sie mit unserer Stoffstrom-Beratung. Gemeinsam finden wir die wirtschaftlich und regulatorisch beste Lösung.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Thermische und energetische Verwertung beschreiben denselben Vorgang. Aus Abfall wird durch Verbrennung Energie gewonnen, die als Wärme, Dampf oder Strom weitergenutzt wird. Die beiden Begriffe werden in der Abfallwirtschaft synonym verwendet.
Ein Ersatzbrennstoff (EBS) ist ein aus Abfällen aufbereiteter Brennstoff, der fossile Energieträger wie Öl oder Kohle in Industrieanlagen ersetzt. EBS ist kein geschützter Begriff. Er umfasst sowohl grob zerkleinerte Stücke bis 30 Zentimeter für Kraftwerke als auch fein aufbereitete Fraktionen unter 30 Millimeter für Zementwerke.
In Deutschland gibt es drei Anlagenkategorien: Die Müllverbrennungsanlage (MVA) mit Rostfeuerung nimmt klassischen Hausmüll und Sperrmüll auf. Das Ersatzbrennstoffkraftwerk mit Wirbelschichtfeuerung verarbeitet vorzerkleinerte Abfälle mit definierter Korngröße. Das Zementwerk nutzt flugfähige, zweidimensionale Abfälle als Brennstoff im Drehrohr.
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) gibt eine fünfstufige Abfallhierarchie vor: Vermeidung, Wiederverwendung, stoffliches Recycling, sonstige Verwertung inklusive thermische Verwertung und schließlich Beseitigung auf der Deponie. Die Reihenfolge ist verbindlich, sofern die höhere Stufe wirtschaftlich zumutbar ist.
Verbundstoffe wie Getränkekartons bestehen aus mehreren fest verbundenen Werkstoffen wie Karton, Polyethylenfolie und Aluminium. Diese Schichten lassen sich technisch trennen, aber nicht wirtschaftlich in verwertbaren Qualitäten zurückgewinnen. Deshalb sieht das Gesetz für solche Fälle die thermische Verwertung als zulässigen Weg vor.
Wirtschaftliche Zumutbarkeit heißt: Ein stoffliches Verfahren muss in einer ähnlichen Kostendimension liegen wie die alternative thermische Verwertung. Ist der Aufwand deutlich höher, gilt die thermische Verwertung als rechtskonform. Dieses Prinzip stellt sicher, dass die Getrennthaltung nicht zu unverhältnismäßigen Kosten führt.
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