Spezielle Entsorgung für Handelsketten – Kartonagen, Zollvernichtung und warum Preis nicht alles ist

von Stefan Wendt

Handelsketten sind Gewerbebetriebe und doch ist ihre Entsorgung eine eigene Welt. Wer Filialen in der Innenstadt betreibt, hat andere Probleme als ein Industrieunternehmen mit Werksgelände. Der Platz ist knapp, die Mengen sind groß und der Preisdruck enorm. Gleichzeitig gibt es Sonderfälle, die es in keiner anderen Branche gibt:  Importware, die unter Zollaufsicht vernichtet werden muss, oder Lithium-Batterien, die im gemischten Müll in Brand geraten. Was die Abfallentsorgung für Handelsketten besonders macht und worauf es in der Praxis ankommt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Drei bis fünf Fraktionen – und trotzdem komplex

Im Grunde lassen sich die Abfälle einer Handelsfiliale auf drei bis fünf Hauptfraktionen clustern: Kartonagen, Folien, gemischter Gewerbeabfall, und je nach Branche Holz, Glas oder weitere Fraktionen. Das klingt übersichtlich. Aber die Komplexität entsteht durch die Menge und die Vielfalt der Standorte. Ein Tierbedarfsladen hat andere Abfälle als ein Möbelhaus, und eine Innenstadtfiliale hat andere Platzverhältnisse als ein Fachmarkt auf der grünen Wiese. Was sich in allen Branchen ähnelt: Verpackungen, z.B. Kartonagen, machen den größten Anteil aus, weil sie bei jeder Warenlieferung anfallen.

Dabei wird meistens wie folgt getrennt: Die Fraktionen, die am meisten anfallen, oft Holz, Kartonagen und Folien, werden separat erfasst. Alles andere kommt in den gemischten Gewerbeabfall und wird in den Sortieranlagen in die Einzelteile zerlegt. In der Summe sind diese gemischten Mengen aber erheblich, auch wenn sie in der einzelnen Filiale nur einen kleinen Teil ausmachen.

Warum der Lebensmitteleinzelhandel seine eigenen Regeln hat

Der Lebensmitteleinzelhandel ist ein Sonderfall. Die großen Ketten vermarkten oft einen erheblichen Teil ihrer Wertstoffe selbst. Sie verfügen über eine eigene Logistik, die dafür sorgt, dass Wertstoffe über das eigene Zentrallager oder Dritte direkt an Papierfabriken geliefert werden

Anders sieht es bei Möbelhäusern, Baumärkten oder Elektronikketten aus. Dort fallen neben Kartonagen auch große Mengen Holz an. Der Holzabfall besteht zum großen Teil aus Paletten, Einwegkisten und Ladenbau-Resten. Möbelhäuser nehmen ihren Kunden die alten Möbel ab. Das ist dann Sperrmüll, der ebenfalls entsorgt werden muss. Bei Filialumbauten fallen kurzfristig Baustellenabfall, Estrich und Einrichtungsreste an. Dafür braucht der Erzeuger dann Container statt Umleertonnen.

Zollvernichtung – wenn Ware nicht in den Handel darf

Ein Thema, das außerhalb der Branche kaum jemand kennt, ist die Zollvernichtung. Wenn importierte Ware havariert ist, das heißt, wenn sie verdorben ist oder die Qualitätsprüfung nicht besteht, muss sie unter Aufsicht des Zolls vernichtet werden. Der Grund für diesen Entsorgungsweg ist die Einfuhrumsatzsteuer und der etwaig zu zahlende Zoll. Wenn die Ware vernichtet wird, bevor sie in den freien Verkehr gelangt, entfällt nämlich die Steuerpflicht. Das ist wichtig für den Importeur und betrifft z.B. Lebensmittel, die dann in Biogasanlagen gehen, genauso wie gefälschte Waren oder Zigaretten, die geschreddert und vernichtet werden müssen.

Bei der Zollvernichtung geht es um große Summen. Ein einzelner Seecontainer mit Importware kann einen Marktwert von mehreren Millionen Euro haben und wird vom Zoll nicht aus den Augen gelassen. In der Praxis heißt das: Die Container mit der Ware sind verplombt, der Zoll begleitet den Transport und beobachtet den Vernichtungsprozess an der Entsorgungsanlage. Bei Lebensmitteln kann zusätzlich sogar das Veterinäramt eine Rolle spielen. Die Fotodokumentation der Vernichtung ist für den Auftraggeber dabei genauso wichtig wie die ordnungsgemäße Entsorgung selbst.

Lithium-Batterien – das größte Brandrisiko in der Sortieranlage

Ein Problem, das Entsorgungsunternehmen zunehmend beschäftigt sind Lithium-Batterien im gemischten Gewerbeabfall. Verbraucher werfen oft achtlos Elektrogeräte oder einzelne Batterien in den Restmüll. Handelsfilialen fangen das zwar teilweise auf, aber längst nicht alles. Wenn gemischte Abfälle aus dem Container gekippt werden, können beschädigte Batterien durch Reibung in Brand geraten. Das ist kein theoretisches Risiko, sondern geschieht regelmäßig.

Innenstadt-Logistik – warum die Uhrzeit entscheidet

Handelsfilialen in der Innenstadt stellen besondere Anforderungen an die Logistik. In Hamburg etwa dürfen große Fahrzeuge nur bis 11 Uhr morgens in den Innenstadtbereich hineinfahren. Danach brauchen Unternehmen eine Sondergenehmigung, die nicht großzügig vergeben wird. Die Alternative sind kleinere Fahrzeuge, die weniger laden können und häufiger fahren müssen. Dadurch steigen die Entsorgungskosten. Nachtfahrten wären eine Lösung, aber gewerbliche Entsorger dürfen anders als die kommunale Müllabfuhr erst ab 7 Uhr morgens fahren. Wer früher unterwegs ist, riskiert Beschwerden und Bußgelder, besonders bei sehr lauten Arbeiten wie der Entleerung von Glascontainern in der Gastronomie.

Regional fahren, bundesweit denken

Große Handelsketten schreiben ihre Entsorgung gerne in großen Losen bundesweit aus, und suchen einen einzigen Ansprechpartner. Das reduziert auf ihrer Seite den Verwaltungsaufwand. Regionale Entsorgungsunternehmen, die zum Beispiel in Norddeutschland stark aufgestellt sind, aber nicht flächendeckend in ganz Deutschland, übernehmen dann Entsorgungsaufgaben als Subunternehmer für bundesweite Anbieter. Sie übernehmen die Abholung vor Ort, nutzen ihre regionale Infrastruktur, und der Kunde erhält einen regionalen Service, den er schätzt.

Was man recyceln kann – und was nur so aussieht

Insgesamt gehen rund 80 Prozent der Handelsabfälle in die Verwertung, davon ein erheblicher Teil in die energetische Nutzung. Unter 20 Prozent landen in der stofflichen Verwertung. Diese Quoten variieren stark je nach Fraktion und Reinheit. Saubere Folien etwa lassen sich gut recyceln, solange sie nicht bedruckt oder verschmutzt ist. Saubere Kartonagen bringen je nach Marktlage sogar eine Vergütung. Aber es gibt Tücken: Manche Verpackungen sehen aus wie Pappe, enthalten aber so viel Kleber, dass keine Papierfabrik sie annimmt. Verbundfolien, die aus mehreren verklebten Schichten bestehen, sind ebenfalls nicht recycelbar. Zwischen dem, was nachhaltig aussieht, und dem, was in der Verwertung tatsächlich funktioniert, klafft manchmal eine große Lücke.

Mein Fazit

Im Geschäft der Handelsketten geht es fast immer um eines: den Preis. Und das ist nachvollziehbar, denn die Margen sind klein und die Mengen groß. Tatsächlich ist Entsorgung aber mehr als der günstigste Tonnagepreis. In der Entsorgung geht es um Zuverlässigkeit über Jahre hinweg, um Menschen, die den Betrieb vor Ort kennen, und um die Fähigkeit, auch außergewöhnliche Situationen zu lösen: von der Zollvernichtung bis zum Filialumbau. Genauso wie überall sonst ist Entsorgungssicherheit der entscheidende Faktor in der Abfallentsorgung für Handelsketten.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Kartonagen machen den größten Anteil aus, gefolgt von Folien, Holz (Paletten) und gemischtem Gewerbeabfall. Je nach Branche kommen Glas, Lebensmittelabfälle, Elektroschrott, Sperrmüll und Baustellenabfall bei Filialumbauten hinzu.

Wenn importierte Ware verdorben, qualitätsmängelhaft oder gefälscht (Plagiate) ist, kann sie unter Aufsicht des Zolls vernichtet werden. Dadurch entfällt die Einfuhrumsatzsteuer und ein etwaiger Zoll. Der Zoll begleitet die Vernichtung. Das betrifft häufig Lebensmittel, Zigaretten und gefälschte Waren.

Lithium-Batterien können durch Beschädigung oder Reibung in Brand geraten. Wenn sie im gemischten Gewerbeabfall landen, besteht akute Brandgefahr in der Sortieranlage. Batterien müssten separat gesammelt und als Gefahrgut transportiert werden.

Nein. In Hamburg dürfen große Fahrzeuge die Innenstadt nur bis 11 Uhr anfahren. Danach ist eine Sondergenehmigung erforderlich. Alternative: kleinere Fahrzeuge mit geringerer Kapazität zu höheren Kosten.

Filialen derselben Kette haben in der Regel ähnliche Abfallstrukturen. Man kann ein Standard-Behälterkonzept pro Filialtyp entwickeln, Abholrhythmen festlegen und über ein digitales Portal die Kosten pro Standort vergleichen. Ein fester Ansprechpartner beim Entsorger sorgt für individuelle Anpassungen pro Filiale.

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