Herkömmliches Recycling versus Nassaufbereitung

von Simon Gühlstorf

Herkömmliches Baustoffrecycling bricht und siebt, die Nassaufbereitung wäscht und trennt. Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob aus Bauschutt wieder ein hochwertiger Baustoff wird oder ob das Material eine Stufe im Downcycling nach unten rutscht. Während trockene Verfahren nur nach Größe sortieren, löst die Nassaufbereitung Lehm, Holz und chemische Belastungen heraus und gewinnt eine Gesteinskörnung zurück, die sich von Naturgestein kaum unterscheiden lässt. In der ORCA-Anlage von OTTO DÖRNER wird dieser Weg im großen Maßstab Wirklichkeit.

Wie herkömmliches Baustoffrecycling funktioniert und wo es an Grenzen kommt

Herkömmliches Recycling mineralischer Abfälle beginnt mit der Annahmekontrolle. Schon auf der Baustelle gilt: möglichst gleichartiges Material zusammenpacken und Vermischungen vermeiden. Das angelieferte Material wird gebrochen, ein Überbandmagnet zieht Stahl und magnetische Metalle heraus, dann wird abgesiebt und aufgehaldet. Das Ergebnis ist meist eine Recycling-Tragschicht mit einem Kornband von 0/32 oder 0/45.

Dieses Verfahren hat eine klare Grenze. Es entfernt Metall, es zerkleinert und es siebt nach Größe, sonst nichts. Ein Windsichter trennt allenfalls noch Folien und Leichtstoffe wie Styropor ab, danach erschöpfen sich die Möglichkeiten. Sobald ein Material erst einmal vermischt ist und sich nur noch nach Größe trennen lässt, sind die Recyclingprodukte nicht mehr homogen.

Ein typisches Beispiel ist die Betonwand. Beim Abbruch kommen Putz, Tapete, Mörtel, Gips, Holz und Kunststoff hinzu. Solche Körnung darf nicht in neuen Beton, also wird daraus eine Recycling-Schottertragschicht oder -Frostschutzschicht. Das ist dann zwar ein sinnvolles Produkt, aber eine Recycling-Stufe tiefer. Wird diese Tragschicht Jahre später beim Straßenrückbau mit Boden vermischt ausgebaut, lässt sie sich kaum noch trennen und landet in der Entsorgung. Genau das ist die Downcycling-Spirale.

Was die Nassaufbereitung anders macht

Die Nassaufbereitung oder Nassklassierung erzeugt gewaschene Produkte, die lehmfrei sind und sich nach Dichte sortieren lassen. Genau das ist mit trockenem Brechen und Sieben nicht möglich. Die Lehmfreiheit, fachlich korrekt Schlufffreiheit, ist für die Bauphysik entscheidend: Sie sorgt für Frostfreiheit bei ungebundenen Bauprodukten und wirkt sich auf den Wasserzementwert aus, wenn das Material als Betonzuschlagstoff dient.

Der Prozess beginnt wie das konventionelle Verfahren mit Brechen und Absieben, bei uns auf einen Bereich bis 45 Millimeter. Dann kommt der Wäscher. In der ORCA-Anlage, der „Otto Dörner Recyclinganlage“ dreht sich ein Rührwerk mit hammerkopfförmigen Werkzeugen. An der Trommel sitzen Rippen. Die Reibung der Steine aneinander und an den Werkzeugen befreit sie von ihren Anhaftungen. Was sich dabei nicht abreibt, hält auch später einem Einbau stand. In der Anlage kommen noch viele weitere Aufbereitungsprozesse zum Zuge. Am Ende produziert sie einen gewaschenen Stein, den man von einem aus dem Kieswerk kaum unterscheiden kann.

Der eigentliche Aufwand steckt im Wassermanagement. Wir haben eine mehrstufige Aufbereitung für das Prozesswasser gebaut, die mindestens so aufwendig ist wie die Materialwäsche selbst. Zuerst werden die Schwebstoffe entzogen, der Feinanteil bindet über seine große Oberfläche den Großteil der chemischen Belastung und wird über eine Kammerfilterpresse abgepresst. Eine zweite Stufe sorgt für den Feinschliff. So fahren wir das Wasser komplett im Kreis, ganz ohne Abwasser.

Herkömmliches Recycling versus Nassaufbereitung im direkten Vergleich

Beide Verfahren haben ihre Berechtigung. Eine Betonwand aus einem selektiven Rückbau lässt sich gut konventionell recyceln, weil sie sauber getrennt vorliegt. Daraus entsteht eine solide Recycling-Schottertragschicht. Die Nassaufbereitung spielt ihre Stärke dort aus, wo komplexe Materialgemische anfallen, die typischerweise aus dem Tiefbau kommen: Aushub mit Oberboden, alte Tragschichten mit Bodenanteilen, der Rückbau eines Kellergeschosses. Dazu muss man wissen: Im Hamburger Raum finden Sie unterhalb eines Spatenstichs fast immer noch Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Der entscheidende Unterschied zum herkömmlichen Recycling liegt in der Trennschärfe. Trockene Verfahren sortieren nur nach Größe, die Nassaufbereitung trennt zusätzlich nach Dichte und wäscht Lehm, Holz und chemische Belastungen heraus. Auch der apparative Aufwand unterscheidet sich massiv, der Größenunterschied liegt etwa beim Faktor zehn.

KriteriumHerkömmliches RecyclingNassaufbereitung
VerfahrenTrockenes Brechen und SiebenBrechen, Waschen und Trennen mit Wasser
TrennungNur nach GrößeNach Größe, Dichte und Anhaftung
Vermischtes MaterialLehm-Boden-Gemische kaum trennbarAuch komplexe Tiefbaugemische trennbar
Chemische BelastungBleibt weitgehend im MaterialWird ausgewaschen und konzentriert
Typisches ErgebnisSchottertragschicht (Downcycling)Hochwertige Körnung bis hochbaufähig
Apparativer AufwandBrecher, Sieb, Magnet, FörderbänderEtwa zehnfacher Umfang plus Wasseraufbereitung
Sinnvoll beiSauber getrennten MaterialströmenVermischtem, siebschwierigem, belastetem Material

Die ORCA-Anlage als Praxisbeispiel

Die ORCA ist mit rund 22 Millionen Euro Investitionsvolumen das größte Einzelprojekt in der Geschichte der OTTO DÖRNER Gruppe und wurde aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesumweltministeriums gefördert. Hinter der Idee stehen mehr als 15 Jahre Entwicklung. Im Tagesbetrieb erreicht die Anlage inzwischen Volllast und produziert rund 150t pro Stunde.

Was sie besonders macht, ist ihr Appetit auf schwierige Materialien. Vermischtes, siebschwieriges und chemisch belastetes Material, das ist genau ihre Kompetenz. Etwa 90 Prozent eines solchen Gemischs lassen sich weiterverwenden, nur rund 10 Prozent, der hochbelastete Feinanteil, gehen konzentriert auf die Deponie. Das entspricht der Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes: Die verstreute Belastung wird auf einen kleinen Mengenstrom konzentriert, der Rest kehrt in den Kreislauf zurück.

Alle Produkte erreichen aktuell die beste Einstufung der Ersatzbaustoffverordnung und sind damit für alle vorgesehenen Anwendungsfälle zugelassen. Darüber hinaus erfüllen die Gesteinskörnungen die Norm für Betonzuschlagstoffe. Damit schließt sich der Kreis zurück in den Hochbau.

Was das für Bauherren und die Kreislaufwirtschaft bedeutet

Für Bauherren bedeutet die Nassaufbereitung vor allem eines: Recyclingbaustoffe, die Naturprodukten technisch in nichts nachstehen. Die Nachfrage nach Gesteinskörnung ist in Norddeutschland größer als das Angebot, jede Tonne Recyclingmaterial ersetzt damit eins zu eins ein Äquivalent an Naturbaustoff. Der wesentliche Gewinn ist der Ressourcenschutz. 150.000 Tonnen Output im Jahr sind 150.000 Tonnen, die nicht im Tagebau abgegraben, nicht über weite Strecken herangefahren und nicht auf der Deponie abgelagert werden. Die Tonne zählt also gewissermaßen doppelt.

Gerade im dicht besiedelten Hamburger Umland ist das spürbar. Weniger Tagebau und weniger Deponievolumen bedeuten weniger Druck auf Flächen, die als Wohnraum, Landwirtschaftliche Nutzfläche, Naturraum und Naherholungsgebiet einen Wert haben. Anders als ein Kieswerk ist eine Recyclinganlage nicht an die Lagerstätte gebunden, sie kann stadtnah dort arbeiten, wo die Abfälle anfallen.

Mein Fazit

Wenn mich jemand nach dem Kern von Nassaufbereitung fragt, halte ich ihm oft zwei Steine hin und frage, welcher der Recyclingstein und welcher der Naturstein ist. Man sieht es nicht. Stein ist Stein. Genau das ist meine Botschaft: Eine sauber aufbereitete Gesteinskörnung aus dem Abbruch ist kein Material zweiter Klasse, sie steht dem Naturstein in nichts nach. Am Ende gilt: Wer ein Gebäude lange nutzt, vermeidet Abfall komplett. Wo Abbruch unvermeidlich ist, sollte aus dem Stein wieder ein Stein werden.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Herkömmliches Recycling bricht das Material und siebt es nach Größe, es entfernt also nur Metall und grobe Leichtstoffe. Die Nassaufbereitung wäscht das Material zusätzlich, trennt nach Dichte und löst Lehm, Holz und chemische Belastungen heraus. So entsteht eine Gesteinskörnung, die sich von Naturgestein kaum unterscheiden lässt, während herkömmliches Recycling meist nur eine Schottertragschicht liefert.

Downcycling bedeutet, dass ein Material bei jeder Wiederverwertung an Qualität verliert. Aus einer Betonwand wird beim herkömmlichen Recycling eine Schottertragschicht für den Unterbau. Ist diese Tragschicht später mit Boden vermischt, lässt sie sich kaum noch trennen und landet in der Entsorgung. Die Nassaufbereitung durchbricht diese Spirale, indem sie die Gesteinskörnung sauber zurückgewinnt.

Die Nassaufbereitung ist für komplexe Materialgemische gemacht, die sich trocken nicht trennen lassen. Dazu gehören Aushub mit Oberboden, alte Tragschichten mit Bodenanteilen und Rückbaumaterial aus dem Tiefbau. Auch chemisch belastetes Material lässt sich aufbereiten, weil die Belastungen beim Waschen herausgelöst und im Feinanteil konzentriert werden.

Nein. Die Produkte der Nassaufbereitung erreichen die beste Einstufung der Ersatzbaustoffverordnung und sind für alle vorgesehenen Anwendungsfälle zugelassen. Die gewonnenen Gesteinskörnungen erfüllen zudem die Norm für Betonzuschlagstoffe und können damit wieder in den Hochbau zurückkehren.

Die ORCA ist eine Nassaufbereitungsanlage für mineralische Bau- und Abbruchabfälle in Seevetal bei Hamburg. Mit rund 22 Millionen Euro Investition ist sie das größte Einzelprojekt der OTTO DÖRNER Gruppe und wurde aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesumweltministeriums gefördert. Sie produziert rund 150.000 Tonnen Recyclingbaustoffe im Jahr.